Was ist eigentlich evangelisch?

Interessanter Weise ist einer breiten Öffentlichkeit zwar bekannt, was Evangelische alles nicht haben (keinen Papst und keine Hierarchie, keine Marien- und keine Heiligenverehrung, keine Pflichtbeichte und keine Sonntagspflicht, keine Wandlung beim Abendmahl und keinen Zölibat...) – viel schwieriger hingegen scheint es zu sein, positiv zu definieren: Was bedeutet es eigentlich wirklich, evangelisch zu sein?

Dabei liegt das Wesentliche am evangelischen Glauben mehr im Inhaltlichen als in den äußeren Merkmalen. Ausgangspunkt evangelischer Theologie ist die Erkenntnis, dass gut und böse niemals fein säuberlich voneinander getrennt werden können, sondern immer ineinander verwoben sind. Das gilt für uns Menschen als Person, das gilt für alle Motive unseres Handelns und das gilt letztlich auch für jede einzelne menschliche Handlung selbst: Kein Mensch ist nur gut oder nur schlecht, sondern er trägt immer beides in sich; kein Tat-Motiv ist völlig rein, vielmehr schwingen da regelmäßig noch eine ganze Menge Neben-Motive mit, die zum Hauptmotiv auch in kontradiktorischem Widerspruch stehen können. Ja nach evangelischem Verständnis kann sogar ein und dieselbe Handlung in sich gut und böse zugleich sein: Mutterliebe etwa oder auch die eruptive Abwendung Pubertierender von ihren Eltern; oder denken wir an so manchen technischen Fortschritt, der sich sowohl als Segen wie auch als Fluch erwiesen hat; Ähnliches gilt für die Bio-Medizin...

Was zunächst vielleicht noch recht theoretisch klingen mag, zeigt in der praktischen Umsetzung allerdings bald ziemliche Auswirkungen. Denn auf diesem Hintergrund bekommt das Gewissen des einzelnen – und seine persönliche Verantwortung vor Gott – eine sehr große Bedeutung.  So dürfen wir uns als Kirche nicht anmaßen, entscheiden zu können, wie Menschen sich in konkreten Konfliktsituationen zu verhalten haben. Wir können Kriterien benennen und Denkhilfen anbieten, letztlich aber ist und bleibt jede Entscheidung immer ein Wagnis in der Verantwortung derer, die die Entscheidung tatsächlich zu treffen haben. Ein Wagnis, von dem niemand im vorhinein mit letzter Gewissheit sagen kann, ob es richtig oder falsch sein würde. Als Menschen sollten wir vielmehr den Mut aufbringen, auch Fehler zu machen. Im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, der uns in Jesus Christus verheißen hat, unsere Schuld zu tilgen. Karl Barth, einer der großen evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts, hat es einmal so ausgedrückt: „Immer noch besser, etwas Problematisches, allzu Mutiges und darum Korrektur- und Vergebungsbedürftiges zu tun als gar nichts.“ Und Martin Luther konnte sich einst sogar zu der steilen Aufforderung durchringen: „Pecca fortiter – sündige tapfer!“ M.a.W.: Im Zweifelsfall lass dich nicht lähmen von der Angst, etwas Falsches zu tun, sondern geh mutig deinen Weg!

Man hat der evangelischen Ethik manchmal vorgeworfen, dass ihr zu Folge dann ja alles erlaubt wäre – und es überhaupt keine festen Regeln mehr gäbe. Dem gegenüber gilt es daran zu erinnern, dass sich evangelische ChristInnen Gewissensentscheidungen im allgemeinen nicht leicht machen wollen, sondern meist hart um den best-möglichen Weg ringen. Das weitgehende Fehlen festgelegter moralischer Regelwerke und Ordnungen versteht sich also nicht als der bequemere, sondern letztlich sogar als der schwierigere Weg.

Statt möglichst detaillierter Anweisungen zum richtigen Verhalten gilt das Doppelgebot der Liebe, wie Jesus es betont hat, als oberste Richtschnur und oberster Maßstab christlichen Handelns: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt! Und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! (Matthäus 22, 37-39).  Martin Luther später hat es sinngemäß so ausgedrückt: Ein Christenmensch ist ein freier Herr und niemandem untertan – in seinem Gewissen. Zugleich aber ist er ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan – in der Liebe.

Natürlich gibt es auch in der Evangelischen Kirche eine ganze Reihe von Ge- und Verboten, von Ordnungen und Regeln, von Lehraussagen und ethischen Festlegungen... Aber sie beanspruchen für sich niemals, absolute, letztgültige göttliche Wahrheit zu sein, sondern verstehen sich immer als etwas Menschliches, Vorläufiges, dem Maß des augenblicklichen Erkennens Untergeordnetes. Das Gewissen des einzelnen in der persönlichen Verantwortung vor Gott steht über jeder gesatzten Ordnung.

Im übrigen verbindet die christlichen Konfessionen wesentlich mehr als sie voneinander trennt. Wir glauben nicht nur gemeinsam an denselben dreieinigen Gott (den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist), wir berufen uns in unserem Glauben auch auf dieselbe Offenbarung, auf die Bibel Alten und Neuen Testamentes. Wir bekennen uns (mit kleinen Einschränkungen bzw. Abweichungen) gemeinsam zu unserem Glauben – mit den Worten des Nicänischen oder des Apostolischen Glaubensbekenntnisses. Wir beten miteinander das Vater Unser, fühlen uns untereinander herzlich verbunden und können miteinander auch vieles gemeinsam tun. In der Ökumenischen Bewegung, die sich im 20. Jahrhundert immer mehr verbreitet hat, haben wir gelernt, im Geist versöhnter Verschiedenheit miteinander zu kommunizieren. Die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre aus dem Jahr 1999 markiert insofern einen Meilenstein gegenseitiger Beziehungen, als es dort erstmals gelungen ist, nicht nur das Gemeinsame, sondern auch das uns voneinander Unterscheidende gemeinsam zu formulieren. 

Wer detailliertere Informationen insbesondere über den Unterschied zwischen katholischem und evangelischem Glaubensverständnis bekommen möchte, sei auf das Buch verwiesen:
Katholisch und evangelisch, herausgegeben von Reinhard Frieling und Ernst-Albert Ortmann, erschienen bei Vandenhoeck & Ruprecht in Göttingen als Bensheimer Heft Nr. 46 (ISBN 3-525-87140-6). Auch an diesem Buch haben ein katholischer und ein evangelischer Verfasser gemeinsam gearbeitet.

Zum Beispiel:
Dietrich Bonhoeffer – eine markante Persönlichkeit

Dietrich Bonhoeffer, geboren 1906 in Berlin, war evangelischer Theologe. Er stammte aus einem „großbürgerlichen“ Haus: Sein Vater Karl war Universitätsprofessor für Psychiatrie, Sigmund Freuds Gegenspieler in Berlin. – Schon früh wuchs im Hause Bonhoeffer die Skepsis gegenüber dem nationalsozialistischem Gedankengut und der nationalsozialistischen Politik.

Während einer Rundfunkansprache des Pfarrers Dietrich Bonhoeffer wurden von der Zensur einfach die Mikrofone abgedreht; er selbst wurde danach mehrmals mit Rede- und Predigtverbot belegt. Durch Verwandte und Freunde kam Bonhoeffer schließlich in Kontakt mit dem innersten Kreis der Widerstandsbewegung um Admiral Canaris. Nach langem inneren Ringen entschloss sich Bonhoeffer, die Attentatspläne auf Hitler aktiv zu unterstützen. Sein Argument: Als Pfarrer kann ich mich nicht damit begnügen, den Menschen später eine schöne Beerdigung zu halten, wenn ich sehe, wie ein wahnsinniger Autofahrer auf eine Gruppe von Leuten zurast, sondern ich muss – koste es, was es wolle – versuchen, „dem Rad in die Speichen zu fallen“ und den Fahrer am Weiterfahren zu hindern.

Bonhoeffer wurde noch vor dem 20. Juli 1944 verhaftet. In der Gefangenschaft schrieb er noch eine ganze Reihe von bemerkenswerten Briefen, Aufsätzen und Gedichten, die später unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“ in gesammelter Form herausgegeben wurden. Am 9. April 1945, wenige Wochen vor Ende des Krieges, wurde Bonhoeffer auf persönlichen Befehl Hitlers im KZ Flossenbürg erhängt.

Als markantes Beispiel für eine „typisch evangelische“ Haltung wird er hier deshalb vorgestellt, weil er bis zum Schluss beides nebeneinander gesehen hat: Sein Handeln geschah ganz eindeutig aus christlicher Verantwortung heraus – aber er hat sich damit dennoch einer Übertretung des fünften Gebotes schuldig gemacht (Du sollst nicht töten!). Er fühlte sich nicht als „Held“, sondern wusste nur zu gut, dass auch er ein der Vergebung bedürftiger Mensch war.
 

Hermann Miklas