Der strafende Gott

Gott wird mich dafür strafen: Glauben wir an einen Racheengel oder an den liebevollen Vater Jesu Christi? Die Provokation ist nichts anderes als ein tief verwurzeltes Gefühl im Menschen. Obwohl es manchmal fast den Anschein hat, als ob viele Menschen heutzutage überhaupt kein Gewissen mehr hätten – so ungeniert, wie landauf / landab gelogen, betrogen und bestochen wird – ganz tief drinnen schaut´s bei den meisten dann doch wieder etwas anders aus. 

Ich war vor ein paar Jahren einmal in einen Rechtsstreit mit einem Hausbesitzer verwickelt. Er galt als echter Immobilienhai. Es ist um Sozialwohnungen für Bedürftige gegangen. Wir hatten uns bisher noch nie gesehen, sondern immer nur über unsere Anwälte verhandelt. Aber eines Tages hat es sich ergeben, dass er mir zufällig als Trauzeuge in der Kirche gegenüber gesessen ist. Nach der Hochzeit am Kirchenausgang hat er mich angesprochen und gesagt: „Mir ist heute klar geworden, wenn ich Sie jetzt übers Ohr haue, dann wird Gott mich eines Tages dafür strafen. Das macht mir Angst. Darum ziehe ich hiermit meine Klage zurück.“ – Das hat mich schon verblüfft! Aber er hat nicht nur Wort gehalten, sondern er hat später die in Frage kommenden Wohnungen sogar auf eigene Kosten noch ein bisschen renoviert.

„Gott wird mich dafür strafen“ – oder auch das bekannte Sprichwort: „Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher“. Tatsächlich glauben viele Menschen an den geheimnisvollen Tatausgleich durch überirdische Instanzen – auch solche, die sich sonst gar nicht unbedingt als „religiös“ bezeichnen würden. Sie sind davon überzeugt, dass „Gerechtigkeit siegt“ – jedenfalls zu guter Letzt.

Entsprechend sind wir auch im höchsten Maße irritiert, wenn guten Menschen einmal Böses widerfährt. „Ich versteh´ das nicht, sie war doch immer so ein herzensguter Mensch!“ hat neulich jemand nach dem Begräbnis einer Frau gesagt, die mit knapp 50 mitten aus dem Leben gerissen worden war. „Wie kann denn das sein? Oder handelt es sich dabei womöglich um die Strafe für ihren Mann?“

Bei einer solchen Aussage blitzt bei mir eine Alarmleuchte auf. Was auf´s erste so logisch und einleuchtend klingt, hat nämlich auch eine fatale Kehrseite. Denn wenn es wirklich so einen untrennbaren Zusammenhang gäbe zwischen dem Verhalten eines Menschen und seinem Wohlergehen, dann könnte sich bald auch der Schluss nahelegen: „Du bist prinzipiell für dein Schicksal ganz allein selbst verantwortlich. Wenn du ein glückliches Leben führst, dann hast du dir´s wohl verdient. Wenn du aber plötzlich arm wirst oder krank, oder wenn dir der liebste Mensch wegstirbt, dann musst du ebenfalls in irgendeiner Form selber dran schuld sein!“ Jedes Leid kann dann sehr schnell als verdiente „Strafe Gottes“ uminterpretiert werden. Und was das bei den Betroffenen für einen Druck erzeugt, das kann man sich ausmalen.

Natürlich kenne auch ich die drückende Last von Schuld und Versagen – sowohl als Seelsorger wie auch aus eigener Erfahrung. Doch bin ich felsenfest davon überzeugt: Gott ist kein strafender Racheengel, sondern ein liebevoller Vater. Ohne Wenn und Aber. Von ihm aus soll und darf jeder Mensch immer wieder die Chance auf einen Neuanfang haben, unabhängig davon, was in der Vergangenheit alles gewesen sein mag. Denn Jesus Christus vermag auch die tiefsten Wunden unseres Lebens zu heilen! – Das ist der tiefere Sinn dessen, was in der Liturgie der Kirchen Sonntag für Sonntag zum Ausdruck gebracht wird. Nämlich, dass Jesus Christus am Kreuz von Golgatha „für unsere Sünden gestorben“ ist. Diese Aussage mag für den heutigen Menschen vielleicht nur schwer verständlich sein. Doch in Wirklichkeit geht es dabei genau um den oben beschriebenen Mechanismus. Im dramatischen Akt seines eigenen Leidens und Sterbens – als Unschuldiger – hat Christus die fatale Logik eines Automatismus zwischen unserem Tun und unserem Schicksal von Grund auf außer Kraft gesetzt. Und dem Mörder am Kreuz neben ihm sogar noch zugerufen: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein!“

Frei übersetzt: „Wenn ihr schon meint, dass es für jedes Versagen, für jede menschliche Schuld unbedingt auch eine Sühne geben muss, dann sei das doch so: Den Part der Sühne übernehme ich. Und zwar für alle Menschen aller Zeiten – ein für alle Mal! Ihr aber sollt frei sein! Euer Verhalten soll nicht länger geprägt bleiben von Angst vor der Strafe Gottes, sondern von der emotionalen Gewissheit, dass ihr Gottes geliebte Kinder seid!“

Aus diesem Grund wird übrigens der Karfreitag in der Evangelischen Kirche auch als Feiertag begangen. Es ist ein Tag, der uns von innen heraus mit tiefer Dankbarkeit erfüllen kann. 

PS: Dem Häusermakler damals habe ich gesagt, dass ich mich natürlich freue, wenn wir uns außergerichtlich einigen können. Aber er möge diesen Schritt bitte nicht aus Angst vor irgendeiner Strafe setzen, sondern aus dem Reichtum der Liebe Gottes heraus. Ob es das war, was ihn schließlich dazu motiviert hat, sogar noch mehr zu tun als ursprünglich vereinbart?